Please use this identifier to cite or link to this item: http://dx.doi.org/10.25673/64264
Title: Solidarische Lebensqualität : zum psychologischen Verständnis von Solidarität und ihrer Rolle für Transformationsengagement und Lebensqualität
Author(s): Kastner, Karen
Referee(s): Matthies, EllenLook up in the Integrated Authority File of the German National Library
Granting Institution: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften
Issue Date: 2021
Extent: 228 Seiten
Type: HochschulschriftLook up in the Integrated Authority File of the German National Library
Type: Doctoral thesis
Exam Date: 2021
Language: German
URN: urn:nbn:de:gbv:ma9:1-1981185920-662151
Subjects: Soziale Interaktion
Lebensqualität
Solidarität
Transformationsengagement
Abstract: Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der UN-Generalversammlung beschreibt, wie das zwischenmenschliche Zusammensein in Frieden, Gerechtigkeit und Gleichheit gestaltet sein sollte und formuliert im Geiste der „Brüderlichkeit“ ein Ideal weltweiter Solidarität. Heute wird Solidarität oftmals in einer Krise verortet (Billmann & Held, 2013; Oxfam, 2020), von einer Individualisierung, einer Konzentration auf das Wohl des Einzelnen wird berichtet (Schimank, 2000; Bierhoff, 2013). Dass Solidarität eine große Bedeutung für die Entwicklung nachhaltiger Gesellschaften besitzt, zeigt sich jedoch zunehmend auch in internationalen Diskursen, etwa im Rahmen aktueller Klimaschutzdiskussionen oder der Formulierung der siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs). So sind Staaten aufgefordert, Klimaschutz wirkungsvoll zu betreiben, da durch den Klimawandel Menschenrechte bedroht werden (Amnesty International, 2019). Der im April 2021 veröffentlichte Beschluss des Ersten Senats des deutschen Bundesverfassungsgerichts bestätigt dies (Bundesverfassungsgericht, 2021). Seine Entscheidung legt das Grundgesetz generationengerecht aus – was einschließt, dass sich aus den Grundrechten somit auch der Schutz zukünftiger Generationen ableitet (Auswertung Rechtsanwälte Günther, 2021). Dies spricht eine Sicht auf die Welt an, die nicht nur eine Verbundenheit mit und ein Interesse für das Wohl aller Menschen, die heute leben, sondern auch eine Fürsorgepflicht für die Lebensqualität heute lebender junger Generationen wie künftiger Generationen beinhaltet. Diese Arbeit stellt Solidarität im Sinne einer solidarischen Lebensqualität (WBGU, 2016; Jaeger-Erben & Matthies, 2014) in den Fokus. Solidarität soll hier ein Konzept umfassen, das eine humane Fähigkeit beschreibt, die das Beste unserer Art in sich vereint: den Wert und das Potenzial der gegenseitigen Unterstützung; die Bevorzugung von Diplomatie und Kommunikation vor Konflikt; das Wertschätzen der Wandelbarkeit und Vielfältigkeit von Menschen und Gesellschaften, unsere geteilte Neugier, die sich in einem Vertrauen in uns und unsere gemeinsame Zukunft zeigt. Die vorliegende Arbeit verfolgte drei Ziele. Zum Ersten erfolgte eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Konzept der Solidarität aus der Verständnishistorie innerhalb der psychologischen Disziplin, die in eine Neukonzeption mündete. Dieses neue Verständnis wurde im Austausch mit Expert*innen vertieft, um Aspekte aus Erkenntnissen anderer Disziplinen, etwa Philosophie oder Politikwissenschaften sowie gesellschaftlich diskutierte Faktoren erweitert und in ein psychologisches Konstrukt überführt. Dieses lieferte die Grundlage, die beiden weiteren Ziele zu verfolgen: zum Zweiten den Zusammenhang zwischen Solidarität und nachhaltigem Engagement empirisch zu prüfen, zum Dritten den Zusammenhang zwischen Solidarität und Lebensqualität. Das Konzept der Solidarität in der Psychologie In der Disziplin der Psychologie ist Solidarität bisher ein sehr unscharf verwendeter Begriff. Sie wird als Motiv (Bierhoff, 2010), Verhaltensform (Dorsch-Lexikon) oder Werteideal (Thome 1988) behandelt und beinhaltet Aspekte von Altruismus, Kooperation, pro-sozialem Handeln und Hilfeverhalten (Bierhoff & Montada, 1988; Bierhoff, 1990; Bierhoff, 2000). Im Versuch einer Synopse unterschiedlicher Solidaritätsverständnisse zeigte etwa Wiswede (2001), dass Solidarität mit einer Vielzahl psychologischer Konzepte verbunden werden kann; über Kognitionen und Emotionen auch mit Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen. So ist die aktuelle Definition von Solidarität, die das Dorsch-Lexikon der Psychologie benennt, als Lösungsidee zu werten: Solidarität ist offenbar so komplex, dass sie in Rückbezug auf eine Gruppe von Verhaltensweisen und einer Diskussion über mögliche unterschiedliche Motivgrundlagen stark vereinfacht dargestellt wird. Nach dieser Definition wird Solidarität danach unterschieden, ob sie aus geteilten oder unterschiedlichen Interessen heraus entsteht (z.B. Bierhoff & Küpper, 1999), was eine gewisse Einschränkung des Konzeptes mit sich bringt. Diese Aufteilung ist eng mit der Vorstellung verknüpft, dass Individuen sich als Mitglieder von Gruppen begreifen, und dass diese Gruppen sich – in ihrem Wettstreit um Ressourcen – voneinander abgrenzen, und sich wenig miteinander solidarisieren. An dieser Sichtweise wird kristisiert, dass damit auch der Sinn für eine übergreifende soziale Verantwortung füreinander verloren ginge – und damit auch Gegenseitigkeit und Gleichwertigkeit (Reicher & Haslam. 2010). Solidarität folgt jedoch der Grundannahme der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen (Leventhal, Karuza & Fry, 1980). Betrachtet man darüber hinaus die Möglichkeit, dass Individuen sich nicht nur mit speziellen Gruppen, sondern auch mit der gesamten Menschheit identifizieren können, werden „partielle Gruppeninteressen überwunden“ (Bierhoff & Küpper, 1999, S. 192). Dies steht im Einklang mit universalistischen Werten (Schwartz, 1992), die das Wohlergehen aller Menschen umfassen (und darüber hinaus auch umweltfreundliche Aspekte). Ähnlich zeigen Studienergebnisse, dass Solidarität gegenüber einer gesamten Menschheit wahrscheinlicher wird, wenn internationale Kontaktmöglichkeiten geschaffen werden (Römpke, Fritsche & Reese, 2018). In anknüpfender Forschung zur Frage, wie Solidarität entstehen kann, unterscheiden Singer und Klimecki (2014) Empathy und Compassion als mögliche Voraussetzungen. Während Empathy die Fähigkeit beschreibt, Gefühle anderer Menschen (und Lebewesen) teilen zu können ist Compassion für Solidarität jedoch relevanter, da ein aus Compassion handelnder Mensch aus Sorge und Interesse an anderen und einer selbstbestimmten Hilfsmotivation heraus handelt (Singer & Klimecki, 2014). Eine Lösung, der bisherigen Diffusität der Verwendung von Solidarität in der Psychologie zu entgehen, kann darin gefunden werden, Solidarität als Wert eindeutig zu definieren, was in dieser Arbeit vorgeschlagen wird. Werte charakterisieren Kulturen, Gruppen und Gesellschaften und helfen, die motivationale Grundlage von Einstellungen und Verhaltensweisen zu erklären (Döring, 2021; Schwartz, 2012; Rokeach, 1968). Sie beschreiben, „was für uns im Leben wichtig ist“ (Schwartz, 2012). Es kann von einer universellen – also menschheitsumfassenden – Gültigkeit bestimmter Werte ausgegangen werden, wobei Individuen und Gruppen differenziert gewichten, welche Priorität welchem konkreten Wert zugeordnet wird (Schwartz, 2012). Relevant ist dabei, dass Werte stets auf konkrete Ziele ausgerichtet sind, und um diese Ziele zu erreichen, werden bestimmte Handlungen motiviert. Folgt man dieser Definition von Werten, so stimmt diese mit einem hier vorgeschlagenen Verständnis von Solidarität in vielen Aspekten überein: • Solidarität gilt über viele Kulturen hinweg als erstrebenswert (z.B. Capaldi, 1998; Veenhoven, 2012; Ikeda, 2017), • Solidarität gilt als motivationale Grundlage für Einstellungen oder Verhaltensweisen (Bierhoff und Küpper, 1999; Beiträge in Bierhoff & Fetchenhauer, 2001), • Solidarität kann von Individuen, Gruppen und Gesellschaften unterschiedlich gewichtet werden (Bierhoff, 1990), • Solidarität ist auf ein konkretes Ziel ausgerichtet, anderen Menschen eine Wohltat zu erweisen oder beinhaltet ein utopisches Moment (Bierhoff, 2000; Scherr, 2013), • Solidarität wirkt über konkrete Situationen hinaus (langwährende Solidaritätsbewegungen, Spendenaktionen, …) und • an Solidarität kann gesellschaftliche Entwicklung beschrieben werden (Billmann & Held, 2013; Tsiakalos & Tressou, 1997). Zwar könnte Solidarität den sogenannten Selbst-transzendierenden Werten (Schwartz, 2012) zugeordnet werden, die die Unterkategorien Benevolence (Wohlwollen) und Universalism (Universalismus) beinhalten. Benevolente Werte verfolgen das Ziel, das Wohlergehens derjenigen, mit denen man in häufigem persönlichem Kontakt steht zu erhalten (die Ingroup); Universalismus das Ziel, Verständnis, Wertschätzung, Toleranz und den Schutz des Wohlergehens aller Menschen und der Natur (Schwartz, 2012, S. 7). Jedoch sind für Solidarität die in Universalismus enthaltene Unterpunkte, wie etwa Spiritualität (Schwartz, 1992), nicht notwendig und sie sollte davon abgegrenzt werden. Schwartz (2012) geht weiterhin davon aus, dass eine Ausprägung universalistischer Werte Solidarität in der Ingroup bedrohen könnte. Solidarität sollte sich jedoch ohne Einschränkungen ereignen können. Auch das von Scherr (2013) als relevant betrachtete utopische Moment – eine gleichberechtigte Gesellschaft schaffen zu können – sollte eine Wertehaltung von Solidarität ergänzen. Im Rahmen dieser Arbeit soll Solidarität als Wert deswegen nach folgender Definition verstanden (und untersucht) werden: Solidarität im Sinne einer Wertehaltung verfolgt das Ziel, sich für (prinzipiell) alle anderen Menschen wirksam einzusetzen und die gemeinsame (utopische) Entwicklung zu einer nachhaltigen gerechten, gleichberechtigten Gesellschaft zu unterstützen. Sie erwächst aus der Fähigkeit, sich um andere zu sorgen und Interesse an ihrem Wohlbefinden zu haben (Compassion), dem Erkennen und Nutzen eigener und allgemeiner Ressourcen, die man gleichgestellt miteinander teilen möchte (auf Augenhöhe miteinander agieren), einem gegenseitigen Vertrauen und der Fähigkeit, sich aufeinander und neue Situationen vertrauensvoll einzulassen und der Verortung der eigenen Identität über gruppenbezogene und nationale Grenzen hinaus in der gesamten Menschheit (Global Human Identity). Solidarität und Lebensqualität Setzt man dieses entwickelte Wertekonzept von Solidarität in Bezug zur Großen Transformation, so bleibt die formidable Herausforderung bestehen, dem Klimawandel Einhalt zu gebieten – und gleichzeitig die Entwicklung und Entfaltung individueller Möglichkeiten wenig einzuschränken. An dieser Stelle setzt die Überlegung an, ob durch eine solidarische Grundhaltung – als Gegenentwurf zur empfundenen individuellen Einschränkung – Lebensqualität in dem Sinne geschaffen werden könnte, dass eine Erfüllung der subjektiven Wünsche mit Nachhaltigkeitszielen im Einklang zu erreichen ist (Matthies, 2018). Mit solidarischer Lebensqualität wird eine Form von Lebensqualität bezeichnet, die sich nicht nur an den eigenen Bedürfnissen und denen des unmittelbaren (z.B. familiären) Umfelds orientiert, sondern die Prinzipien intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit mit einbezieht (WBGU, 2016). Solidarität im Bezug zu Klimaschutz zu betrachten liegt auf der Hand, folgt man Forschungstraditionen, in denen wirksame Prädiktoren nachhaltigen Handelns wie etwa die persönliche ökologische Norm aus einst pro-sozialen Konstrukten hervorgingen (Schwartz, 1977). Auch liegen bereits Studien zu Solidarität und nachhaltigem Verhalten vor (z.B. Römpke et al., 2018). Beiträge zur Großen Transformation können Individuen dabei in unterschiedlen Rollen ausführen, etwa als Konsument*innen, Investor*innen, Aktivist*innen oder Mitglieder von Organisationen (Nielsen et al., 2021a). Weiterführend wird innerhalb der Disziplin der Umweltpsychologie die Sichtweise vorgeschlagen, die Umweltkrise als eine kollektive Krise zu betrachten, die auch kollektiv gelöst werden kann (Fritsche, Barth, Jugert, Masson & Reese, 2018a). Aus diesen Überlegungen folgend soll Solidarität als mögliche Grundlage von Beiträgen zur Großen Transformation untersucht werden und dabei unterschiedliche individuelle wie auch kollektive Rollen betrachtet werden. Darüber hinaus wird eine Brücke zur Betrachtung individueller Lebensqualität aus dieser Sichtweise gebaut. Lebensqualitätskonzepten wie Resilienz, aber gerade auch Kohärenz und Salutogenese ist gemeinsam, dass sie nicht nur individuelle Mitgestaltungsmöglichkeiten des Lebens oder das bewusste Einsetzen eigener Stärken und Ressourcen betrachten, sondern auch für die Zukunft bedeuten sollten, langfristige Folgen des eigenen Handelns für nachfolgende Generationen zu berücksichtigen (Neumüller, 2020). Bezogen auf nachhaltige Lebensstile zeigten Studien, dass etwa Materialismus (ein Lebensstil, der eher materielle Bedürfnisse wie Geld, Besitztümer, Ansehen, Status in den Fokus rückt; Kasser, 2018) negativ mit unterschiedlichen Lebensqualitätsdimensionen zusammenhängt (z.B. Roberts & Clement, 2007; Kasser, 2018). Materialismus ist negativ mit pro-sozialen und pro-ökologischen Aspekten assoziiert und untergräbt das Wohlbefinden anderer Menschen, anderer Spezies und zukünftiger Generationen (Kasser, 2018). Solidarität hingegen sollte solchen Haltungen entgegenstehen, und durch einen Fokus auf das Wohl aller Menschen, Arten und zukünftiger Generationen mit höherer Lebensqualität in Verbindung stehen. Fragestellungen und Hypothesen In der vorliegenden Arbeit sollte das theoretisch abgeleitete ergänzte Verständnis von Solidarität als Wert weiter geschärft und dann für den Anwendungsbereich der Großen Transformation zur Nachhaltigkeit empirisch geprüft werden. Dabei waren drei Fragekomplexe von Interesse. Der erste umfasste die Konzeption des Wertes Solidarität im neuen Verständnis und dessen empirische Prüfung (1). Dabei wurden Unterfacetten der Solidarität gebildet. Der zweite Fragekomplex widmete sich der Forschungsfrage, welche Zusammenhänge zwischen einer Ausprägung solidarischer Werte und relevanten umweltbezogenen Einstellungen und Handlungen bestehen (2). Der dritte Fragekomplex untersuchte die Forschungsfrage, inwiefern eine solidarische Werteausprägung mit einer hohen Lebensqualität in Verbindung gebracht werden kann (3). Tabelle 1 zeigt einen Überblick über die Untersuchungen dieser Doktorarbeit.
URI: https://opendata.uni-halle.de//handle/1981185920/66215
http://dx.doi.org/10.25673/64264
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