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Titel: Allgemeine und herkunftsbedingte Erklärung des Studienabbruchs sowie der anschließenden Neuorientierung
Autor(en): Isleib, Sören
Gutachter: Pohlenz, Philipp
Körperschaft: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Fakultät für Humanwissenschaften
Erscheinungsdatum: 2023
Umfang: IX, 120 Seiten
Typ: HochschulschriftIn der Gemeinsamen Normdatei der DNB nachschlagen
Art: Dissertation
Tag der Verteidigung: 2023
Sprache: Deutsch
URN: urn:nbn:de:gbv:ma9:1-1981185920-1065688
Schlagwörter: Studentenverhalten
Schulabschluss
Zusammenfassung: Die vorliegende Dissertation beschäftigt sich mit der allgemeinen Erklärung des Studienabbruchs, der bildungs- und berufsbezogenen Neuorientierung nach einem Studienabbruch sowie Effekten der sozialen Herkunft, die beim Studienabbruch sowie im Rahmen der anschließenden Neuorientierung auftreten können. Bislang liegt zu diesen Fragestellungen, insbesondere zur Neuorientierung nach Studienabbruch sowie zur Bedeutung sozialer Herkunft beim Studienabbruch sowie der anschließenden Neuorientierung nur wenig theoriegeleitete Forschung vor. Es lässt sich nicht von einem bis dato verankerten Forschungsgegenstand reden. In Bezug auf die Untersuchung des Studienabbruchs existieren zwar bereits einige Studien, es bleiben jedoch theoretische, empirische und methodische Defizite (Cabrera et al. 2006; Klein und Stocké 2016; Sarcletti und Müller 2011), die mit dieser Arbeit adressiert werden. Erstens liefern bisherige Forschungsarbeiten zum Studienabbruch oftmals keine hinreichenden theoretischen Argumentationen. Sofern theoretische Überlegungen angestellt werden, finden diese zweitens oftmals nicht Eingang in geeignete Analysemodelle, die im Rahmen einer simultanen Schätzung eine Beurteilung der relativen Erklärungskraft einzelner Faktoren erlauben (Klein und Stocké 2016). Dies ist drittens auch einer mangelnden Datenbasis geschuldet, bei der theoretisch relevante Faktoren unberücksichtigt bleiben, geringe bzw. auf einzelne Hochschulen begrenzte Daten vorliegen und somit komplexere Erklärungsmodelle bzw. adäquate Operationalisierungen nicht infrage kommen. Die Arbeit folgt einem Grundverständnis von Studienabbruch als Prozess, dessen Ursachen in allen Phasen des studentischen Lebenslaufes zu finden sind (Heublein et al. 2017). Sie liegen somit nicht nur im Studium selbst, sondern auch in der Studienvorphase, bspw. in den genutzten Bildungspfaden an die Hochschule (Müller und Schneider 2013) samt ihrer Differenzen im Hinblick auf mögliche Kompetenzfortschritte (Hanushek und Wössmann 2006; Maaz et al. 2008) und qualitative Unterschiede (Neugebauer und Schindler 2012), in vorhochschulischen Leistungsindikatoren wie der Note bei Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung (HZB) (Brandstätter und Farthofer 2002) oder zeitstabilen psychologischen Faktoren (van Bragt et al. 2011). Ein kleiner Teil der Forschung fokussiert den Übergang an die Hochschule, etwa in Form der Motive der Studienfachwahl (Blüthmann et al. 2008). Bislang untersuchte Faktoren der Studiensituation sind bspw. individuelle und studienbezogene Merkmale (soziale und akademische Integration; theoretisch: Tinto 1975, empirisch: Klein et al. 2019), individuelle, aber nicht direkt studienbezogene Merkmale (Erwerbstätigkeit, Pendeln, Studienfinanzierung; Brandstätter und Farthofer 2003; Choi 2017; Stinebrickner und Stinebrickner 2008) sowie institutionelle Faktoren (Studienbedingungen und Studienanforderungen; Blüthmann et al. 2008). Der Einfluss dieser Faktoren wurde bislang zwar nachgewiesen, jedoch nicht hinreichend systematisch, theoriegeleitet sowie methodisch adäquat – im Hinblick auf Datenbasis und Analyseverfahren – untersucht. Zur Neuorientierung nach einem Studienabbruch existiert im deutschen Forschungskontext nahezu keine systematische Forschung. Ausnahmen stellen die Arbeiten von Heublein et al. (2017; 2018) sowie Tieben (2016, 2020) dar. Mit dem Blick über den Studienabbruch hinaus ist auch eine Perspektivverschiebung auf den Studienabbruch selbst verbunden. Studienabbruch erscheint weniger als bildungsbiografisches Defizit, sondern eher als mehr oder weniger bewusste Bildungsentscheidung, die mit bestimmten bildungs- und berufsbezogenen Optionen verbunden ist. Markierte ein Studienabbruch bislang das Ende des eingeschlagenen Bildungsweges, so ordnet er sich nun als Umorientierung bzw. Wendepunkt in individuelle Bildungsbiografien ein. Er ist somit auch Startpunkt von Bildungs- oder Berufsphasen innerhalb von nicht-linearen Bildungs- und Berufsverläufen. Für die wissenschaftliche Untersuchung der Neuorientierung nach einem Studienabbruch ergeben sich in ähnlicher Weise wie bei Analysen zum Studienabbruch selbst Desiderata. Die bisherigen Studien weisen mit Ausnahme der Studie von Tieben (2020) keine oder nur knappe theoretische Argumentationen auf. Das Problem des Mangels an geeigneten Analysedaten stellt sich bei der Untersuchung der Neuorientierung nach einem Studienabbruch als evident dar. Es liegen nahezu keine hochschulübergreifenden Analysedaten vor, die eine saubere Identifikation von Studienabbrüchen und das Verfolgen der anschließenden Bildungs- und Berufswege ermöglichen. Bisherige Studien zur Neuorientierung nach Studienabbruch zeigen, dass ein hoher Anteil der Studienabbrecher*innen nach der Exmatrikulation in eine Berufsausbildung oder Berufstätigkeit übergeht und nur ein geringer Teil zunächst arbeitslos wird (Heublein et al. 2017; Heublein et al. 2018). Heublein et al. (2017) deuten zudem hochschulart-, abschlussart- und fächergruppenspezifische Unterschiede an. Die soziale Herkunft wurde bereits an verschiedenen Gelenkstellen des Bildungssystems als wichtiger Einflussfaktor für Bildungsübergänge und -erfolge nachgewiesen (Becker 2000a; Geißler 2004). In diesem Kontext wird verstärkt diskutiert, inwieweit sich soziale Ungleichheiten auch an späten Bildungsstufen zeigen bzw. dorthin verlagern (Schindler 2015). Insbesondere für die Studienentscheidung (Becker und Hecken 2008; Lörz 2012; Müller und Pollak 2016), die Studienfachwahl (Becker et al. 2010), den Übergang in ein Masterstudium (Lörz et al. 2015; Lörz et al. 2019) oder die Promotion (Jaksztat 2014), existiert dazu eine gute Befundlage. Allerdings liegen bislang nur vereinzelt Arbeiten zu Herkunftseffekten beim Studienabbruch bzw. der Neuorientierung nach einem Studienabbruch vor. Müller und Schneider (2013) sowie Klein und Müller (2020) weisen jeweils ein für untere Herkunftsgruppen erhöhtes Studienabbruchrisiko nach. Für die Neuorientierung nach einem Studienabbruch können Heublein et al. (2018) und Tieben (2016, 2020) zeigen, dass Studienabbrecher*innen aus akademischen Haushalten im Vergleich eher selten eine Berufsausbildung und eher ein weiteres Studium aufnehmen. Die beschriebenen Desiderata wurden in vier Teilstudien bearbeitet. Teilstudie 1 widmete sich zunächst der allgemeinen Erklärung des Studienabbruchs. Hierbei wurde ein selbst entwickeltes heuristisches Modell des Studienabbruchs auf Basis des Forschungsstandes zugrunde gelegt. Im deutschen Forschungskontext zum Studienabbruch war der Beitrag einer der ersten, der den Versuch unternimmt, Studienabbruch über ein breites Set an theoretisch induzierten Variablen zu erklären. Bei simultaner Schätzung konnte die Erklärungskraft von vorhochschulischen (Bildungswege zur Hochschule, Studienfachwahl, Studienvorbereitung) als auch die Studiensituation betreffenden Merkmalen (soziale und akademische Integration, Erwerbstätigkeit und Studienfinanzierung) nachgewiesen werden. Der Einfluss vorhochschulischer Merkmale (insbesondere der Bildungswege an die Hochschule und der HZB-Note) bleibt dabei über verschiedene logistische Regressions-modelle hinweg stabil, kann also durch Faktoren der Studiensituation nicht entscheidend kompensiert werden. Der Beitrag schließt mit der Ableitung von Maßnahmen zur Abbruchprävention. Teilstudie 2 erweitert und vertieft den Ansatz von Teilstudie 1. Sie baut die theoretischen Überlegungen aus, nutzt ein breiteres und stärker theoretisch induziertes Set an möglichen Einflussfaktoren sowie neuere Daten und wendet eine multiple Imputation auf die Daten an. Der Beitrag weist auch bei simultaner Schätzung stabile Herkunftseffekte (gemessen an der Bildungsherkunft) beim Studienabbruch nach. Weitere Befunde aus Teilstudie 1 können mit neueren Daten und verbesserter Methodik im Wesentlichen bestätigt werden. Darüber hinaus berücksichtigt der Beitrag die Persönlichkeitsdimensionen (Big Five), von denen sich Offenheit und Gewissenhaftigkeit als abbruchfördernde Merkmale erweisen. Zudem zeigt er, dass sich erhöhte zeitliche Kosten in Form von Pendelzeiten für den Hochschulweg negativ auf den Studienerfolg auswirken können. Teilstudie 3 stellt eine thematische Spezifizierung dar. Sie hat ihren Ausgangspunkt im Nachweis von Herkunftseffekten beim Studienabbruch und untersucht die Frage, durch welche Merkmale sich diese Disparitäten erklären lassen. Die Studie zeigt mittels nicht-linearer Dekomposition (Karlson et al. 2012), dass dies durch eine Vielzahl von Faktoren geschieht. Ein großer Teil der Herkunftsunterschiede im Studienabbruch lässt sich auf primäre (HZB-Note) und sekundäre Effekte im Sinne Boudons (1974) zurückführen. Letztere lassen sich in jeder Phase des studentischen Lebenslaufes beobachten. Soziale Ungleichheit im Studienabbruch erklärt sich somit über herkunftsspezifische Bildungswege an die Hochschule, Unterschiede in der Wahl der Hochschulart und des Studienfaches sowie Herkunftsdifferenzen in studienbezogenen Faktoren, etwa der sozialen und akademischen Integration, sowie studienexterne Lebensumstände, bspw. Unterschiede in der Studienfinanzierung und im Erwerbsverhalten neben dem Studium. Ausgangspunkt für Teilstudie 4 war die Frage, inwieweit nicht nur Studienabbruch, sondern auch der anschließende Prozess der Neuorientierung sozialen Herkunftseffekten unterliegt. Hierzu lagen bis dato nahezu keine Forschungsarbeiten vor. Mittels Sequenz- und Clusteranalysen wurden zunächst sechs Muster der Neuorientierung nach einem Studienabbruch identifiziert. Über eine multinomiale logistische Regression, ebenfalls unter Nutzung imputierter Daten, wurde der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Zugehörigkeit zu diesen sechs Mustern untersucht. Hierbei erweist sich die soziale Herkunft als bedeutender Einflussfaktor. Deutlich zeigt sich dies an ihrem Einfluss auf die Abwägung zwischen einem erneuten Studium und anderen Alternativen: Akademikerkinder (beide Elternteile sind Akademiker) kehren wahrscheinlicher an die Hochschule zurück als Kinder aus nichtakademischen Haushalten. Dies weist auf eine langfristige akademische Orientierung und entsprechende Aspirationen bei statushöheren Herkunftsgruppen hin. Zudem können auch eine geringere Reaktivität auf Bildungsmisserfolge, das Vermeiden eines intergenerationalen Statusverlusts sowie die kompensatorische Wirkung materieller und immaterieller Ressourcen hierfür verantwortlich sein. Statusniedrigere Herkunftsgruppen wenden sich im Falle eines Abbruchs des Studiums eher von akademischer Bildung ab und schlagen den Weg einer beruflichen Ausbildung oder Erwerbstätigkeit ein. Hinsichtlich Vorgehen und Ergebnissen stellt die Arbeit eine Erweiterung und Vertiefung des Forschungsstandes zum Studienabbruch sowie zur anschließenden Neuorientierung dar. Indem sie den Forschungsstand aufarbeitet und theoretische wie empirische Überlegungen in einer der Analyse zugrunde liegenden Heuristik bündelt, versucht sie erstens theoriebezogene Defizite vorheriger Studien aufzulösen. Dem von Klein und Stocké (2016) konstatierten Desiderat einer mangelnden Überführung theoretischer Zusammenhänge in adäquate empirische Erklärungsmodelle begegnet sie zweitens durch eine saubere Ableitung und Operationalisierung von möglichen Einflussfaktoren sowie deren simultane Schätzung. Die Arbeit nutzt drittens hochschulübergreifende und bundesweite Daten, die sich aufgrund ihrer Fallzahl, ihres Geltungsbereichs und ihrer Operationalisierungsmöglichkeiten für komplexe Analysemodelle. Sie versucht somit auch das datenbezogene Defizit bisheriger Forschungsbemühungen aufzulösen und Relevanz der Befunde für den Transfer in die Öffentlichkeit, Hochschulpolitik sowie die scientific community zu generieren. Mit der Neuorientierung nach einem Studienabbruch wird die Analyse zudem auf eine weitere späte Entscheidungssituation im Lebensverlauf erweitert, zu der bislang nahezu keine Forschung vorlag. Für beide Situationen – den Studienabbruch sowie die anschließende Neuorientierung – findet zudem eine Fokussierung auf den Nachweis bzw. die Erklärung sozialer Ungleichheit statt. Inhaltlich weist die Arbeit entscheidende Einflussfaktoren auf den Studienabbruch in jeder Phase des studentischen Lebenslaufes nach und kann somit Studienabbruch als multikausalen Prozess charakterisieren. Für die Neuorientierung nach einem Studienabbruch lässt sich zeigen, dass hier zum überwiegenden Teil recht zügig bildungs- und berufsbezogene Alternativen realisiert werden und längere Arbeitslosigkeitsphasen die Ausnahme sind. An beiden interessierenden Stufen des Bildungs- bzw. Berufsverlaufs kann soziale Ungleichheit nachgewiesen werden – eine höhere Abbruchwahrscheinlichkeit zu Lasten statusniedriger Herkunftsgruppen bzw. deren Nachteile mit Blick auf den Verbleib in tertiärer Bildung nach einem Studienabbruch. Herkunftsspezifische Differenzen im Studienabbruch können zudem über primäre und sekundäre Effekte nach Boudon (1974), Unterschiede in sozialer und akademischer Integration sowie zeitliche Kosten im Studium in Form von Erwerbstätigkeit und Pendeln erklärt werden.
URI: https://opendata.uni-halle.de//handle/1981185920/106568
http://dx.doi.org/10.25673/104613
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Enthalten in den Sammlungen:Fakultät für Humanwissenschaften (ehemals: Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften)

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